14.Juli 2013

 

Die Fantastischen Vier und Hundts‘ Erbe

 

 

Es könnte alles so einfach sein. Doch das ist es bekanntermaßen nicht, wie es auch schon mal durch die Stuttgarter Straßen hallt. Doch in Benztown brechen neue Zeiten an. Die Mitgliederversammlung lässt nicht mehr lange auf sich warten, der große Knall dürfte wohl aber ausbleiben, denn Herr Prof. Dr. sc. techn. Dieter Hundt hat die Zeichen der Zeit erkannt.

Der Fokus soll sich in meiner zweiten Ausgabe heute neben dem Rückzug von Dieter Hundt auf den großen bevorstehenden personellen Umbruch an der VfB-Spitze richten. Das ganze, wie schon im Titel leise angedeutet, unter einem ganz besonderen Stern. Viel Spaß.

 

Seit Oktober 2002 war Dieter Hundt im Amt. Der Mann, dessen wirtschaftliche Kompetenz in Angesicht seines Werdegangs und beruflichen Erfolgs unbestritten sein dürfte, durchlebte beim VfB schwierige Zeiten mit zahlreichen Höhen und Tiefen. Gleich zu Beginn wurde die Vizemeisterschaft eingefahren. Rolf Rüssmann musste dennoch gehen. Erwin Staudt wurde Präsident. Zunächst Matthias Sammer und später Giovanni Trapattoni ersetzten den nach München gelotsten Felix Magath. Nach wenigen Monaten folgte auf den Maestro Trapattoni das Gespann Horst Heldt und Armin Veh. Bekanntermaßen lauteten die weiteren Kandidaten Markus Babbel, Christian Gross, Jens Keller und schließlich unser aktueller Trainer Bruno Labbadia. Für den abgewanderten Horst Heldt wurde Fredi Bobic dem Trainer beiseite gestellt und bald in den Vorstand integriert. Als Nachfolger für Präsident Erwin Staudt installierte Dieter Hundt dann Gerd Mäuser, doch die Vorgehensweise war, nicht nur für alle direkt Beteiligten, mehr als durchschaubar.

 

In wenigen Zeilen ist das der Schnelldurchlauf durch die Amtszeit von Dieter Hundt. Verbunden mit den einzelnen Namen, die zum Teil erfreulicherweise bis heute noch beim VfB Bestand haben, sind die Erfolge und Misserfolge. Zum Teil gehen diese auch mit ein und derselben Person einher.

Wenn man die Ära Hundt beim VfB in wenige Worte zusammmenfassen müsste, wären das sicherlich „Konsolidierung“, „Meisterschaft“, „Stadionumbau“, „Trainerverschleiß“, „sportliche und finanzielle Überschätzung“ und deswegen leider auch nur mit Abstrichen „wirtschaftliche Stabilität“.

 

Die Degradierung von Gerd Mäuser nach nur einer recht kurzen Amtszeit war dabei nur die Spitze des Eisbergs und nicht der ursächliche Grund für den Abstieg des Dieter Hundt. Zahlreiche fragwürdige Entscheidungen, wie den Rausschmiss von Rolf Rüssmann nach der überraschenden Vizemeisterschaft, das Kurzzeitengagement von Trapattoni aufgrund seines unpopulären Spielstils (welcher den Maestro bis heute weltweit bekannt gemacht und ihm in seiner Karriere viele beachtliche Erfolge eingebracht hatte), seine Aussagen in Anbetracht der „Übergangslösung“ Armin Veh oder der Entlassung des, bei vielen Fans und vor allem in größten Teilen der Mannschaft anerkannten, Trainers Christian Gross nach einem denkwürdigen Auftritt im Festzelt auf dem Cannstatter Wasen haben dazu beigetragen. Die fehlende Konstanz und innere Ruhe, sowie die Tatsache, dass stets andere für seine mitverantworteten Fehlgriffe und Fehlplanungen gehen mussten, sorgten für den Niedergang.

 

Ein Argument, welches stets als erstes gegen Herrn Hundt angeführt wurde, war die fehlende fußballerische Kompetenz. Meiner Ansicht nach hat sich Herr Hundt einfach nur falsch beraten und kläglich über den Tisch ziehen lassen. Wirtschaftlich gesehen wurde auch mit Hilfe der fortgesetzten Jugendarbeit, aber auch seinem Sachverstand, der VfB Stuttgart weiter nach oben geführt. Einziges Manko: Das „Stuttgarter Champions‘ League Debakel“ war geboren! Bis heute erscheint mir das immer noch als großes Rätsel. Denn die Begriffe „VfB Stuttgart“ und „Champions‘ League“ sind alles andere als ein „Debakel“ - rein sportlich gesehen. Nur ein Mal konnte man die Gruppenphase nicht überstehen, zwei Mal erreichte man das Achtelfinale und scheiterte dann an Chelsea und Barcelona.

 

Das Debakel an sich ist wirtschaftlich-finanzieller Natur. Es hatte seinen Ursprung in der Meisterschaft 2006/2007. Hier ließ sich die gesamte Führung des VfB, inklusive Dieter Hundt, blenden und unverständlicherweise wurde der Kader, die Gehälter und die Zielsetzungen schlagartig auf Champions‘ League Niveau angehoben. Das ist das große Debakel.

 

Bei aller vermeintlich fehlender sportlicher Kompetenz, hätte sich ein Wirtschaftswunderkind, wie es Dieter Hundt ohne Zweifel ist, hier einfach nicht täuschen lassen dürfen. Wieso? Weshalb? Warum? Darauf finde ich keine Antwort.

Nur eines ist glasklar: daran knabbert (und krankt) der VfB bis heute.

 

Bleiben wir im Sektor der Finanzen und kommen auch zu den neuen vier Großen.

Wirtschaftliche Stabilität war schon immer ein Markenzeichen des VfB. Das lässt sich schließlich auch optimal in Verbindung mit guter Jugendarbeit setzen. Diesem seit jeher geltenden Kredo hat sich auch Fredi Bobic verschrieben. Wie schon lange kein Funktionär mehr, identifiziert sich Bobic mit dem Verein und den Fans, den Millionen Legionen. Sein Start war schwer, aber er hat es gemeistert. Zudem konnte er den zunächst widerwilligen Bruno Labbadia, wohlwissend der unsicheren Stellung eines jeden Trainers beim VfB bei ausbleibendem sofortigen Erfolg, davon überzeugen und mit ins Boot holen. Nicht viele hatten gerade Fredi Bobic das zugetraut. Dieses Zweigespann ist allen wohl bekannt und sie wurden bereits in meiner Premiere thematisch zumindest leicht angeschnitten. Doch zusammen bilden sie lediglich die eine Hälfte des Quartetts.

 

Die anderen beiden mächtigen Männer möchte ich nun kurz näher vorstellen und ihre möglichen künftigen Rollen beleuchten, auch wenn offiziell vor der anstehenden Mitgliederversammlung noch nicht alles in trockenen Tüchern ist. Es dreht sich um Dr. Joachim Schmidt und Bernd Wahler. Joachim Schmidt, der bisherige Stellvertreter von Dieter Hundt, hat nun dessen Platz eingenommen. Der studierte Mathematiker und Manager ist neben seinem Engagement beim VfB Stuttgart „direkt nebenan“ als Chef in der Sparte Vertrieb und Marketing tätig. Er gilt als Hauptvermittler für den lange herbei gesehnten Deal mit der Mercedes-Benz Bank als Hauptsponsor für den Verein. Inwieweit er seine Arbeit von der des Dieter Hundt absetzen kann, ob es merkliche Veränderungen gibt oder inwiefern er sich in das Alltagsgeschäft des VfB Stuttgart einbringen wird, bleibt abzuwarten. Die gute Tradition der Wirtschaftsweisen im Verein wird so jedenfalls fortgesetzt. Aufgrund der aber nun schon länger veränderten Vorstandsstruktur, vor allem in Person von Fredi Bobic, dürfte er aber wie schon sein Vorgänger eher im Hintergrund die Fäden ziehen und die sportlichen Kompetenzen nun vollends an Bobic abgeben.

Die größere Unbekannte in der Gleichung ist zweifelsohne Bernd Wahler. Der bei adidas Mitverantwortliche für den Bereich Innovation kommt wie viele andere im Verein aus der unmittelbaren Umgebung. Studiert in Tübingen und Reutlingen begann er seine Karriere bei adidas, bevor es ihn über die Firma Bally in der Schweiz und Nike wieder zurück zum deutschen Sportartikelhersteller führte. Er gilt als sport- und VfB-begeistert und soll mit Hilfe seiner lokalen Verankerung und VfB-Vorgeschichte neuen Wind und hoffentlich auch weitere Innovationen in den Verein bringen. Vielleicht ist er genau der richtige für diese große Aufgabe. Der VfB beweist hierbei großen Mut, denn es hätten sich auch andere Namen angeboten, die wohl leichtere Startvoraussetzungen beim VfB vorgefunden hätten. Denn eines gilt wohl beim VfB durchweg: die großen Lösungen waren selten die besten. Meistens etablierten sich die vermeintlich kleinen Lösungen am schnellsten und am nachhaltigsten.

 

Ich hoffe, dass dieses Quartett, der meiner Meinung nach wichtigsten Strippenzieher beim VfB, den Verein noch die letzte Stufe zurück auf den alten Stuttgarter Weg hieft, um dann den neuen Stuttgarter Weg einzuschlagen. Die Grundstrukturen des neuen Pfads sind bereits gelegt, sie müssen nur noch von unseren Kriegern gefunden und auch begangen werden. Mit neuen Mitteln, alte Stärken (und Erfolge) wiedererlangen. Bring it back!

 

 

Kurz zum Schluss: alles auf Anfang.

Dieter Hundt hätte einen würdevolleren Abschied sicherlich verdient gehabt. Doch dazu hat er den richtigen Zeitpunkt leider verpasst. Vielleicht hätte er besser früher auf die Laute hören sollen, die beim „Heimspiel“ vom Wasen ertönten: schließlich ist es so, dass wir (stets) ernten was wir säen.

Nichtsdestotrotz, mit umgebauten Stadion, soliden finanziellen Strukturen, dem beschlossenen nächsten großen Schritt in der Jugendarbeit und der bald vollendeten Konsolidierung des „Champions‘ League Debakels“ stehen wir auch dank Dieter Hundt besser da als viele andere Vereine und Deutschland und auch Europa.

Danke Dieter Hundt!

 

 

Für immer zusammen!

 

Euer Gunther

 

 

 

 

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